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Glockenprojekt

Allgemeines

Die Evangelische Matthäusgemeinde beabsichtigt, vor ihrem historischen Gebäude einen frei stehenden Glockenstuhl mit einem Ein-Glocken-Geläut zu errichten. Bei der Erbauung 1935 sah man keinen Kirchturm vor. Die Gründe dafür sind unbekannt, aber wahrscheinlich waren Nationalsozialismus wie Sozialismus gleichermaßen froh, dass die Kirche turmlos in den Schatten zurücktrat. Die Kriegseinwirkungen und die spätere Entwicklung in der DDR ließen in der Bezirkshauptstadt Erwägungen zur Errichtung eines Glockenturmes nicht zu. Zudem waren die räumlichen Bedingungen bis weit in die 1990er Jahre durch mehr schlechte als rechte Kompromisslösungen gekennzeichnet.

Warum eine neue Glockenanlage?

An den meisten Orten der Welt gehören zu Kirchengebäuden Glocken. Sie stiften die Identität des Versammlungsortes nach außen; diese sind an ihnen optisch und akustisch erkennbar. Für die Gemeinden ist das Geläut der Glocken der Ruf zum Gebet. Die Matthäusgemeinde möchte beides erreichen: in die Öffentlichkeit treten und zum Gebet einladen. Dass sich am Standort Freiherr-vom-Stein-Str. 45 überhaupt eine Kirche befindet, ist vielen Menschen unbekannt, auch solchen, die regelmäßig diese Straße passieren. Eine Glockenanlage stellt demgemäß ein Bekenntnis nach außen und zum kirchlichen Standort Matthäusgemeinde dar.

Die Gemeinde ist sich bewusst, dass das religiöse Leben heute kein Privileg darstellt und Glockentürme deshalb nicht dazu geeignet sind, einen bestimmten Anspruch in der gesellschaftlichen Öffentlichkeit zu unterstreichen. Gebet und Gottesdienst sind aber eine notwendige Lebensäußerung in der Stadt, die Christen exemplarisch in der Gesellschaft und für sie wahrnehmen. Die gegenwärtige Zeit ist von zunehmender Beunruhigung und Verunsicherung geprägt. So erscheint es dringlich, durch das Geläut zum Gebet für den Frieden einzuladen und durch das Gebet den Menschen im städtischen Umfeld einen Ort zu anbieten, an dem sie zur Ruhe und zum Frieden gelangen können. Die Anlage ist so konzipiert, dass sie den öffentlichen Raum diskret einbindet. Dies geschieht vor allem durch die Öffnung des Vorplatzes und die Begehbarkeit des Standorts als Kreuz- und Bibelgarten. Die Glockenanlage soll dem liturgischen Geläut gehören. Ein Uhrschlag ist nicht vorgesehen.

Das Glockenprojekt stellt sich zugleich als Konsequenz einer intensiven Beschäftigung mit der Entstehungsgeschichte des Standorts Freiherr-vom-Stein-Str. 45 dar. Ein Großrelief an der Fassade zeigt noch gestalterische Elemente einer „deutschen Familie“, eine Fehlstelle im beigefügten Bibelzitat weist auf das nach 1945 ausgebrochene Hakenkreuz hin. Der Nationalsozialismus hat die Gemeinde in den  Jahren 1935-1945 stark geprägt, der Pfarrer im damaligen Sprengel Paulus-Ost war ein leidenschaftlicher Nationalsozialist gewesen. Die Hintergründe dieser Geschichte sind durch eine eigene Ausstellung im Jahr 2015 erforscht und dokumentiert worden (pdf). Heute sucht die Matthäusgemeinde durch ihre evangelische Spiritualität und durch die Öffnung ihrer Räume einen eigenen Beitrag für das Zusammenleben im Magdeburger Stadtfeld zu leisten.

Das Projekt

Nachdem die Gemeinde im Jahr 2016 mit dem Projekt begonnen hatte, konnten schnell kirchliche und kommunale Einrichtungen eingebunden und in Gesprächen dafür gewonnen werden. Mit Liebnerstadtfeld Architekten hat die Gemeinde ein Planungsbüro, das sich mit überzeugenden Ideen einbrachte. Im Juni 2019 wurde ein Gestaltungsentwurf für Glockenturm und Umfeldgestaltung sowie eine detaillierte Gewerkeplanung übergeben. Parallel wurde in der Gemeindeöffentlichkeit ein großer Konsens zum Vorhaben und zur Gestaltungsplanung hergestellt. So konnten bereits namhafte zweckgebundene Spenden zur Weiterarbeit ermutigten. Der Gemeindekirchenrat beschloss daraufhin, das Projekt zu verwirklichen.

Der Entwurf

Die Glockenanlage wird sowohl in Entsprechung zu als auch in Kontrast zum vorhandenen Gebäude stehen. Dies schließt eine schlichte, zurückhaltende Gestaltung ein. Der Gestaltungsentwurf sieht eine kreuzförmige Stahlkonstruktion vor, der gestalterisch wie statisch ein Kreuz eingefügt wird. Die Höhe des Glockenstuhls ergibt sich aus der Gebäudehöhe bis Traufe. Um die Anlage so schlicht wie möglich zu halten, wird für die Glocke eine einfache Konstruktion mit Linearantrieb vorgesehen. Die Tonhöhe der Glocke wude auf c“ festgelegt, die Glocke soll in mittlerer Rippendicke ausgeführt werden, so das sich daraus ein grundtöniger Klang ergibt.

Der Kreuz- und Bibelgarten ist ebenso schlicht geplant, um Ressourcen zu schonen und ein stimmiges Gesamtbild zu gewinnen. Der Gemeinde ist es wichtig, möglichst viel Grün zu erhalten und das Areal zugleich für die Öffentlichkeit einladend begehbar zu gestalten. Dabei müssen auch zwei Bäume weichen, die unwissentlich in unmittelbarer Nähe einer Gasleitung gepflanzt wurden und diese beschädigen könnten. Ein dritter Baum an der Ostseite, der durch seinen besonders schönen Wuchs auffällt, ist in die Planung einbezogen. Sitzmauern mit Holzauflagen sowie eine einfache Bepflanzung sollen zum Verweilen einladen.

Wir sind der Überzeugung, dass sich die Gesamtgestaltung sehr gut in das Umfeld der Freiherr-vom-Stein-Straße einfügt und es aufwertet. So kann die Matthäuskirche noch mehr zur Identifikation mit dem städtischen Umfeld rund um den Westernplan beitragen. Außerdem ist der Gemeinde die Verpflichtung bewusst, die sich aus der Fortentwicklung des kirchlichen Lebens als authentischer Lebensäußerung im städtischen Leben mit seiner besonderen Ausstrahlung ergibt.

Sören Wilmerstaedt (Beiratsvorsitzender) / Dr. Reinhard Simon (Pfarrer)

Magdeburg, den 25.06.2019

Gern können sie sich auch mit einer Spende an unserem Glockenprojekt beteiligen.
Diese kann unter dem Stichwort:
RT 19 Glocke Matthäus
auf das Konto der KD-Bank, IBAN DE69 3506 0190 1562 3080 20, überweisen werden.