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Geschichte der Pauluskirche Magdeburg

Entstehung und Bauzeit

Als im ausgehenden 19. Jahrhundert die damals außerhalb der Verteidigungsanlagen liegende Wilhelmstadt aus dem Boden schoss, wurde bald absehbar, dass hier eine eigene Kirchengemeinde entstehen sollte. Im Oktober 1896 wurde dann für sie die Pauluskirche eingeweiht.

Sie hat die Form einer zweischiffigen unregelmäßig gewölbten Hallenkirche mit Orgel- und Seitenempore. Mit dem repräsentativen, der Stadt zugewandten Turm an der Ostseite und einem mehreckigen Gebäudeabschluss im Westen scheint sie verkehrt herumzustehen. Im Innern jedoch ist sie mit dem Altar nach Osten ausgerichtet („orientiert“) - ein seltsamer Widerspruch zwischen bürgerlicher und geistlicher Orientierung.

Ausstattung und künstlerische Gestaltung

Die romantische Orgel mit 30 Registern hat W. Rühlmann, Zörbig, 1896 gebaut, sie gilt als eine der besten des mitteldeutschen Meisters. Dass Kirchenschiff wurde einst von sechs farbigen Fenster geschmückt. Durch die Kriegseinwirkungen blieben nur die drei Südfenster erhalten. Sie zeigen „Jesus und Nikodemus“, „Jesus und die Samariterin“ sowie (wahrscheinlich) „Jesus und den reichen Jüngling“.

Im Altarraum befindet sich ein ursprünglich 16 Meter langer Wandteppich, seinerzeit in Handarbeit von Frauen der Gemeinde gefertigt und vor Jahren von Pfarrer Dietrich Warner buchstäblich vor der Entsorgung gerettet. Die beiden mittleren Felder, vom Kirchenraum her links und rechts neben dem Kruzifix erkennbar, stellen Christus mit der Siegesfahne sowie Maria Magdalena dar, die Christus gemäß biblischem Zeugnis als Erste nach seiner Auferstehung begegnet ist und daher als erste Auferstehungszeugin gelten darf (siehe Titelbild).


Zwischenkriegszeit und NS-Zeit

Im Turmgeschoss wurde 1921 eine Gedenkkapelle für die im 1. Weltkrieg umgekommenen 706 Soldaten aus dem Magdeburger Stadtfeld eingerichtet. Hier wird die wechselvolle Geschichte der Paulusgemeinde rekonstruierbar. Diese Kapelle, ein markantes Gegenstück zum Barlach-Mahnmal im Magdeburger Dom, wurde 2018 künstlerisch neu gestaltet und dient seither als Ort unter anderem für Besinnung und Friedensgebete. Weitere Informationen dazu finden Sie in einer Dokumentation (pdf).

In den ersten Jahrzehnten gehörten Mitglieder jüdischer Herkunft zur Paulusgemeinde, so auch der Jurist Friedrich Weißler, der 1932 als Landgerichtsdirektor nach Magdeburg kam, aber bereits im Winter 1933 unter dem Vorwand seiner jüdischen Abstammung seines Amtes enthoben wurde. Mit seiner Familie floh er nach Berlin, arbeitete in der Vorläufigen Leitung der Bekennenden Kirche und war maßgeblich an einer Denkschrift gegen Rechtsbruch, Antisemitismus und andere Missstände in Deutschland beteiligt. Er wurde in Sachsenhausen inhaftiert und aus Judenhass zu Tode gefoltert (+ 19.02.1937).

In der Paulusgemeinde gab es ab 1933 heftige Spannungen zwischen der “Bekenntnisgemeinschaft” und der Gemeinschaft “Deutscher Christen”. In deren Folge verließ Pfarrer Otto Güldemeister, der der Bekennenden Kirche zuneigte, 1935 die Gemeinde. Der deutsch-christliche Pfarrer Albert Trost blieb in Paulus-Ost (heute Matthäusgemeinde), bis er 1946 einer disziplinarischen Versetzung durch eigenen Stellenwechsel zuvorkam.

Heute erinnern fünf Stolpersteine in der Wilhelm-Raabe-Straße 9 an Familie Weißler. Die Söhne Ulrich und Johannes überlebten. Mit Enkel Wolfgang Weißler sprach die Gemeinde über die Geschichte der Familie. Das Landgerichtsgebäude in der Magdeburger Halberstädter Straße trägt den Namen “Friedrich-Weißler-Haus”. Zur Verlegung der Stolpersteine im September 2025 ist hier ein Videobeitrag zu sehen

Zu weiteren Stolpersteinen in Stadtfeld Ost

Nachkriegszeit und Restaurierungen

1965 hatte der Glaskünstler Christof Grüger († 2014) für die neuen Orte Altar und Kanzelpult zwei Bronzereliefs geschaffen. Sie zeigen das "Himmlische Jerusalem" und den "Brennenden Dornbusch". Beide Reliefs haben im Foyer der Kirche, das 2015 eröffnet wurde, an einer Schauwand einen würdigen neuen Platz gefunden. Hier ist ein kurzer Radiobeitrag mit Pf. Simon zum "Himlischen Jerusalem" zu finden.

Bei der umfassenden Restaurierung Anfang der 2000er Jahre wurde die Kirche weitgehend in den Originalzustand zurückversetzt. Ausnahmen sind die liturgischen Hauptorte Altar, Taufstätte und Kanzel/Pult, die neu geschaffen wurden. In den Jahren 2014 - 2019 wurde die Kirche einer Außensanierung unterzogen, bei der auch die großen Turmfenster durch den Wiedereinbau von Maßwerk und Verglasung vervollständigt werden konnten. Seither erstrahlt die Kirche in dem typisch hellen Glanz der Kalk- und Sandsteinfassade.

Gegenwart

2015 wurde ein Foyer als separater Baukörper an die Kirche angefügt, das für eigene Veranstaltungen genutzt wird und als Servicebereich während der Konzerte dient.

2021 feierte die Pauluskirche ihr 125-jähriges Bestehen. Zum Jubiläum veröffentlichte die Gemeinde im Selbstverlang die Festschrift "125 Jahre Pauluskirche Magdeburg". Nähere Informationen finden Sie hier.